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~ Autorenblog von Fabian Dombrowski ~

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Sonntag, 31. März 2019



Neil Gaiman, The Ocean at the End of the Lane. London: Headline 2014. ISBN: 978-1-4722-0866-8; 255 Seiten.

"Adults follow paths. Children explore"

Den Pitch für The Ocean at the end of the Lane könnte Gaiman seinem Verlag so vorgetragen haben: »Eine äußerst britische, rein weibliche und weniger makabre Version der Addams-Family muss gegen Dolores Umbridge antreten, um die Seele eines kleinen Jungen zu retten.« Ganz abgesehen von meiner eigenen Liebe für die schrullige Gothic-Familie aus der Feder von Charles Addams, können sich wohl alle auf diese Antagonistin einigen; entweder, weil die verstockte, piefige Kleinbürgerlichkeit von Dolores Umbridge (hier unter dem Namen Ursula Monkton) ihren eigenen Idealen widerspricht oder weil sie in ihrer Karikatur zu viel von sich selbst erkennen.

Das Hauptthema des Büchleins ist aber ein anderes: Kindheit und ein wenig ebenfalls Erwachsen-sein, vielleicht ist das auch kein großer Unterschied. Ein Mann in mittleren Jahren erinnert sich an seine Kindheit in Essex, das Leben daheim und wie er nicht nur in die Welt der Älteren, sonder auch in eine kosmische Horrorstory à la H.P. Lovecraft reingezogen wird, obwohl er doch nur in Ruhe seine Bücher lesen will (gerade Letzteres weckte meine Sympathie und Erinnerungen). Und dann ist da noch das Haus und der Ententeich-Ozean am anderen Ende der Landstraße.

Nach kleineren Holprigkeiten im Wechsel von Prolog zum Hauptteil und kurz danach, wird es schwer das Buch wegzulegen, selbst wenn eigene Deadlines vor der Tür stehen. Das liegt vor allem an den betörend gut geschriebenen späteren Übergängen; meistens zwischen realistisch(er)en Episoden und den phantastisch(er)en - und wieder: vielleicht ist das auch kein so großer Unterschied. Sie werden jedenfalls nicht als Verschiedenes behandelt, die Perspektive eines Kindes bringt sie zusammen und in dessen Augen ist das Monster aus den Tiefen des Kosmos genauso fremd, wie das Verhalten der Erwachsenen.

Handwerklich ist die Erzählung fein, oft eher faszinierend als im konventionellen Sinne spannend. Am Anfang noch ganz im mondänen verhaftet, lässt sie sich Zeit, um die Atmosphäre eines ganz besonderen sense of wonders aufzubauen, der dann in den letzten Kapiteln vollends zelebriert wird. So schön diese Momente sind, so brilliert das Buch jedoch vor allem mit anderem, dem genauen Gegenteil nämlich. Viele, viele kleine Beobachtungen über einfache Dinge, Orte, Essen und Details bereichern den schmalen Band, die direkt aus einer kuschelig nostalgischen Erinnerung geborgen scheinen (und es nach den Implikationen im Nachwort auch tatsächlich sind).

Es macht Hoffnung so eine sparsame, intime Geschichte zu lesen, wo Gaiman in letzter Zeit meist mit dem Ausverkauf seiner Werke glänzt, die in TV-Serien verwandelt immenses visuelles Spektakel bieten (welches ich mir auch gerne ansehe), aber die Magie der Text vermissen lassen.

Fabian, 31. III. 2019

Donnerstag, 27. Dezember 2018



Gestank. Das war sicher ein Beginn für diesen Autorensalon, wie ihn niemand erwartet hat. Es ist ein eindrücklicher Gestank, kriecht einem die Nase hoch und scheint aus jeder Ecke zu kommen. Aber wenn der üble Geruch in so charmanter Prosa daherkommt, wie es bei Patrick Süskinds "Parfüm" geschieht, wer könnte sich beschweren? Schließlich war das für den Abend gesetzte Thema: Wie wird ein Setting glaubhaft? Offenbar ist das Überreizen des olfaktorischen Sinns bis zum Ekel eine Variante davon. Zumindest konnten sich die vier anwesenden Autoren, Claudia Rapp, Swantje Niemann, Julia Heller und meine Wenigkeit schnell darauf einigen. Obwohl wir im Detail Dinge unterschiedlich handhaben würden: Machen war die Passage zu ausgeführt, anderen die sprachliche Varianz darin zu gering. Debatten leben von diesen kleinen, wie allerdings auch größeren Meinungsunterschieden.

Im Laufe des Jahres 2017 hat Claudia Rapp des Öfteren zum Salon geladen. Sie hat das Hinterzimmer von DanTra‘s Kneipe in der Kulmerstraße organisiert, Gäste angesprochen und für Termine gesorgt, zu denen möglichst viele es einrichten konnten. Die Diskussionen waren gut, mal mit mehr, mal mit weniger regen Teilnehmern - aber etwas fehlte: eine Richtung, wo die Unterhaltung hinführen sollte. Es brauchte ein Thema, eine Aufgabe, etwas an dem man sich festbeißen und an dem wir uns abzuarbeiten hatten.

Die Inspiration für den ersten Abend kam von einer Frage, die vermutlich Erzähler aller Medien seit Anbeginn der Sprache beschäftigt: Wie mache ich ein Setting glaubwürdig. Warum möchte ich bei manchen Geschichten am liebsten gleich ein Flugticket zum Handlungsort buchen, während es mich bei anderen so kalt lässt, dass es schwerfällt, sich zu erinnern, wo genau sie spielen? Um hinter dieses Phänomen zu kommen, trafen wir uns am 3. Dezember in der Lettrétage im Herzen Kreuzbergs - ein weiterer Ort, den Claudia Rapp für den Salon finden konnte.

Damit jeder seine Perspektive an den Tisch bringen konnte, sollten alle Gäste einen Text mitbringen, den sie oder er besonders lehrreich fanden - in guter oder schlechter Hinsicht. Für die rege Diskussionskultur spricht wohl, dass uns einige einzelne Seiten aus Süßkinds „Parfüm“ als Sprungbrett in die Materie genügten. Wie erwähnt drehte sich die Diskussion zuerst um kleinere Meinungsverschiedenheiten. Diese zielten gar nicht so sehr auf die Qualität der besprochenen Passage, sondern mehr auf die individuelle Herangehensweise, würde man als Autor selber solch eine Szene formulieren. Und das Problem lautet: „Wie gelingt es, dass die fiktionale Welt so geschrieben wird, dass sie sich nicht auf eine bloße Bühne für den Helden oder Vehikel für einen Plot reduziert.“ Das ist schon mal drei, vier Schritte näher am Kern der Sache als die etwas naive Frage, was ein Setting besser oder schlechter macht.

Schnelleres oder langsameres Erzähltempo, welchen Ausschnitt des Hintergrundes beschreiben, vor dem Charaktere handeln, wie viel ins Detail gehen oder welche Details gewählt werden - das ist oft persönlicher Stil. Wir befanden rasch, dass sich in solchem erstmal keine Antwort findet. Ähnliche Settings können sich in den Händen unterschiedlicher Autoren, ganz verschieden ausspielen. Wenn David Lynch und Mark Frost uns von "Twin Peaks" erzählen, dann ist das ziemlich anderes, als wenn Sam Lake uns in "Alan Wake" vom Örtchen Bright Falls berichtet. Dennoch handelt es sich bei beidem um eine Kleinstadt im Pacific Northwest. Sie beziehen sich auf gleiche Vorbilder und lassen sich voneinander inspirieren (ein Setting, welches mich selbst sehr reizt, wie letztens hier im Blog besprochen). Der Blick muss also in eine andere Richtung gehen und da waren zwei andere Punkte, die sich kristallisierten: 1) Wissen über die Lesegewohnheiten des eigenen Publikums und 2) Wissen über das eigene Setting.

Natürlich blieb nicht ewig Zeit in diese Komplexe einzudringen. Wir konnten nur eine Ausgangsbasis etablieren. In Bezug auf den Leser zum Beispiel, dass es nicht um ein anbiedern geht, indem man die Kenntnis seines Konsumverhaltens möglichst ausnutzt. Trotzdem lässt sich nicht verneinen, dass ein Erzähler seine Geschichte stets einem Publikum vorträgt und dieses will in die Fiktion hineingezogen werden. Um diesen Job gut zu machen, muss man seine Zuhörer kennen. Manch einer Lesergruppe mag im selben Text auch ganz Abweichendes wichtig sein: Wo den einen die Historie der besuchten Orte spürbar werden muss, können andere darauf verzichten und wollen lieber einen realistischen Alltag sehen. Realität ist eine schon immer eine sehr relative Angelegenheit gewesen. Das merkt man vor allem, wenn man genau hinschaut, was für eine einzelne Person notwendig ist, um Realismus und Authentizität zu erzeugen.

Der Schlüssel dazu klingt wie eine Phrase, aber es kommt wie eh und je zurück zu den gleichen alten Punkten: Recherche, Vorbereitung, die Angelegenheit immer und immer wieder durchdenken. Eine gute Geschichte entsteht nicht einfach aus sich heraus, es ist nicht der Akt eines von der Muse geküssten Genies, genauso wenig ist es ein magischer Akt, inspiriert aus dem Nichts.


An der Methode für diese Arbeit will der Salon in Zukunft gerne feilen. Selbstverständlich wird es weiter um solch ‚große Themen‘ gehen. Doch besonders diese Debatten haben die Tendenz vage und manchmal unbefriedigend zu bleiben, daher soll eine noch ganz andere Ebene ins Spiel kommen: Sprache. Ohne den Versuch das Medium, mit dem die Schlüsse aus unseren Diskussionen umgesetzt werden, jeden Tag ein Stück besser zu beherrschen, haben solche Erörterungen kaum Zweck. Dort werden wir beim folgenden Treffen ansetzen.

Der nächste Salon findet am 30. Januar statt und zwar erneut in der Lettrétage, Mehringdamm 61, 10961 Berlin (Zugang über die Hinterhöfe, nicht verzweifeln, wenn ihr es nicht sofort findet). Die abendliche Uhrzeit ist noch nicht ganz definiert. Alle, die sich am Gespräch und dem gemeinsamen Vorankommen beteiligen wollen, sind herzlich eingeladen - Updates via den üblichen social media Kanäle.

Fabian, 27. XII. 2018 


Dienstag, 25. Dezember 2018



Ein kleiner Hinweis im Sinne der Vollständigkeit dieses Blogs: Diesen Dezember war die Homepage des Verlags ohneohren ziemlich aktiv. In einer Adventskalenderaktion gingen jeden Tag Artikel online und viele von ihnen fand ich persönlich sehr spannend. Sie geben ganz unterschiedliche Einblicke in die Weihnachtszeit, aber auch den Alltag einiger Autoren. Teils kann man über aktuelle Projekte lesen, die Probleme mit dem Zeitmanagement, die man neben dem Brotberuf haben kann oder wie schwer der Anfang jeder Schriftstellerei ist (gerade, wenn man eine Grundschullehrerin hatte, die alles auf Orthographie und Grammatik reduziert). Was hat das mit der Vollständigkeit dieses Blogs zu tun? Ich habe auch einen Text beigesteuert; es geht um Schreibmaschinen! Aber letztlich ist das nur ein Vorwand. Eigentlich ging es mir um ein Unbehagen mit dem aktuellen Fetisch einiger Autoren, möglichst viel zu schreiben, während sie sehr fixiert auf ein einzelnes Medium bleiben - nämlich das digitale. Natürlich werden wieder viele das Label »Hipster« darauf kleben, weil sie es als Nostalgie oder Retrokult abtun, doch ich kann auch kaum etwas dagegen tun, wenn sich jemand lieber in der Komfortzone seiner Vorurteile verbarrikadiert. Ich hatte ja fast gehofft, das würde Gesprächsstoff geben - viel davon mitbekommen habe ich allerdings nicht. Schade irgendwie.

Den Artikel findet ihr HIER. Der Text hieß im Original "Schreibmaschinen Rapshodie", hier aber "Fabian und die Schreibmaschine". Werft unbedingt auch einen Blick in die anderen Adventstexte, sehr lesenswert!

Fabian, 25. XII. 2018

Dienstag, 2. Oktober 2018




Da gibt es diese abgelegene Stadt - wobei mir eigentlich nicht klar ist, ob es wirklich eine Stadt ist oder eher ein Kleinstädtchen oder sogar nur ein Dorf. Eine Tafel am Ortseingang verkündet stolz eine fünfstellige Einwohnerzahl, welche wahrscheinlich aber doch im vierstelligen Bereich liegt. Jedenfalls fühlen sich die Straßen nach noch deutlich weniger Menschen an und der Besucher, der mit seinem Auto über die unausweichliche Landstraße hier ankommt, begegnet erstmal niemanden. Dennoch heißt ihn der Ort willkommen. Die Stadt hat Charme. Er kann sich sagen, ob das an den Klischees ländlicher Gastfreundschaft liegt, die in seinem Kopf feststecken, der Romantik der nahen Wald-, Berg- oder Seenlandschaften oder doch ganz einfach an dem aufklarenden Wetter nach morgendlichen Regen. Auf jeden Fall ist der Kaffee verdammt gut.

Die Rede ist von Twin Peaks; aber nicht nur. Eine ganze Liste an Orten kommt mir in den Sinn: Bright Falls, Wayward Pines, Castle Rock, Sunndydale, Arcadia Bay, Gravity Falls, Winden, Arkham und vielleicht sogar die aktuelle Iteration Riverdales. Davon sind nicht alle im amerikanischen Nordwesten angesiedelt und im Kontrast zur Meinung des landläufigen Lynch heroisierenden Hipster-Snobs sind die wenigstens bloße Versionen des erstgenannten Städtchens, die von ‚minderer Genre-Fiktion‘ aufgegriffen wurden. Viele solche Geschichten entstanden früher und verschlagen uns an ganz andere Orte, zum Beispiel nach Solowetz in der Novelle ‚Montag beginnt am Samstag‘ von Arkadi und Boris Strugazki. Dennoch mögen viele Ideen, die mit dieser speziellen Kleinstadtkulisse verbunden sind am einflussreichsten in Frosts und Lynchs Serie aus den 90ern zu einem Prototypen verschmolzen sein. Die Qualität allerdings, die mich am meistens fasziniert, berstand bereits hiervor. Am besten auf den Punkt gebracht von Herman Melville in Moby Dick: 

»It is not down on any map, true places never are.«


Keiner dieser Städte existiert - dennoch können sie uns für den flüchtigen Moment, in denen von ihnen erzählt wird, überzeugen, dass sie real sind. Sie dienen nicht einfach als Setting, Hintergrund, hübsch angemalte Kulisse; sie werden lebendige Protagonisten von Geschichten. Für mich bleibt dabei ein Rätsel wie diese Beispiele den Sprung von Bühne zum Mitspieler schaffen. Und ich arbeite mich daran schon eine Weile ohne gute Antwort ab (was vielleicht den Reiz ausmacht).

Mir persönlich sticht das auch besonders an solchen fiktiven Kleinstädten raus, obwohl es mich ganz zu Anfang eher am deutlicheren Räumen zu interessieren begonnen hat - Gotham und Dunwall wären hier zu nennen. Sowieso bleibt auffällig, wie uns oft kleine oder gigantische Städte und ihre Umgebung begegnen. Selten lesen wir von einer unabhängigen, alleinstehenden Landschaft oder höchstens, wenn wir all die realen Weltgegenden inkludieren, die einfach unter anderen Namen auftauchen. Doch davon spreche ich nicht. Ich meine die Orte, die nie existiert haben können. Wobei es nicht zwingend um phantastische Kulissen gehen muss. Das Gefühl von Realität, dieses ‚sense of place‘ hat damit vermutlich wenig zu tun. Eine Teilantwort könnte sich allerdings schon hinter Vorbildern verstecken, die wir tatsächlich auf Landkarten finden.

Mir ist diese Verwicklung von fiktionalen Welten mit realen Umgebungen erst spät Bewusst geworden. Als bloßer Fakt und Wissen war es da, aber es dauerte bis in den Sommer 2015, dass es wirklich durchsickerte. Die erste Staffel von ‚True Detective‘ brachte den Stein ins Rollen. Entscheidend war, wo ich die Serie gesehen habe: Auf dem jährlichen Trip mit dem besten Freund ins brandenburgische Odervorland, zwanzig Minuten staubigen Feldweg vom nächsten Dorf entfernt. Das ist nicht in Amerika, nicht in den USA und schon gar nicht in Louisiana. Aber unter dem Eindruck von Nic Pizzolattos Skript und der Cinematopgraphie von Cary Joji Fukunaga und Adam Arkapaw wurde es das. Das Moorland, die teils wieder verwucherten Wälder und endlosen Reihen an Kabelmasten entlang zweifelhaft asphaltierten Landstraßen boten sich praktisch an - mehr noch aber war es die Verlassenheit der Ortschaften, ihre Ruinen und verwaisten Vorgärten. 
Und den Eindruck dieser befremdlichen Ähnlichkeit hatten wir nicht allein. Zwei Monate später saß ich mit meiner damaligen Freundin in der Uraufführung von Falk Richters ‚Fear‘, einem Stück, das unter anderem auch den Erfolg der AfD und ihrer menschenfeindliche Volksverhetzung im ländlichen Ostdeutschland zu ergründen versuchte. Auch hier verschmolzen Louisiana und Brandenburg in eines. Das treffende Zitat der Serie für dieses Amalgam in meinem Kopf war:


»This place is like somebody’s memory of a town and the memory is fading. It’s like there was never anything here but jungle.«


Das hat herzlich wenig mit den fiktiven Orten zu tun, von denen ich oben sprach - oder? Louisiana gibt es wirklich. Brandenburg gibt es wirklich. Auch wenn ich sie auf Landkarten genau dort finde, wo viel Nichts ist. Aber der Hinweis auf die Lösung (einen kleinen Teil von ihr zumindest) versteckt sich in den Details, die wir im jeweils anderen - Fiktion oder Realität - wiedererkennen. Das ist trivial. Es ist keine Überraschung, dass Fiktion ihre Wurzeln in realen Orten, Episoden und Kleinigkeiten findet und sie uns gleichzeitig eine Linse geben kann, die Welt um uns wahrzunehmen. Möglicherweise ist es derart einfach. Nur erklärt es nicht, was das Setting der Kleinstädte à la Twin Peaks so attraktiv macht.

Eine Erklärung ist, dass es zumindest in meinem Fall persönliche Vorlieben und Erinnerungen trifft. Schließlich bediene ich in Kurzgeschichten gerade diese Bühnen immer wieder gern und die Urlaube im Odervorland stehen meist am Anfang. Jedoch habe ichüber individuelle Vorlieben hinaus keine befriedigende Antwort - doch so etwas war nie die Absicht dieses Textes. Wie jeder andere Artikel dieses Blogs sollte eher erkunden, keine mundgerechte einfache Botschaft bieten. Und das ist die zweite, oben bereits angedeutete Erklärung für diese Liebe zu imaginierten Ortschaften; ich verstehe sie nicht und es macht unheimlichen Spaß, verstehen zu lernen.

Fabian, 2. X. 2018



Freitag, 7. September 2018



Berlin versetzt mich immer wieder in Staunen. Die Stadt ist voll von tausend Dingen, die einem verborgen bleiben, selbst wenn man sich regelmäßig die Mühe macht auf Entdeckungsreise zu gehen. Man könnte meinen, jemand hütet sie eifersüchtig. Manchmal aber spuckt Berlin einem seine Überraschungen auch direkt vor die Füße. Ich hatte jedoch nicht erwartet, dass ein langgehegter Traum sich auf diese Art erfüllen könnte und ich damit an ein Objekt gelangte, welches ich für ein Experiment benötigte, das mir seit geraumer Zeit vorschwebte: eine Schreibmaschine.

Die perfekte Ergänzung für meinen Arbeitsplatz; und das hat einiges mit dem zu tun, wovon ich im letzten Blogartikel schrieb.

Es war mir eigentlich nie schwergefallen, daheim zu schreiben, aber genau das änderte sich 2017. Das hatte wohl wenig mit meinem dort eingerichteten Schreibtisch oder Arbeitsgerät zu tun und mehr mit emotionalem Chaos und Erinnerungen, die zu frisch die Wohnung füllten. Wobei ironischerweise gerade anfangs noch wirklich guter Text zu Stande kam. Ich schöpfte Kraft aus reinem Trotz, dagegen anzustinken. Doch dieser Trotz hatte keine Ausdauer. Ich suchte nach Lösungen: schrieb in Cafés, wie ich das immer gern getan habe, bei Freunden auf der Couch oder nebenher im Vorlesungssaal. Mir war wenig Erfolg beschoren. Irgendwann nahm ich meine gesammelten Sachen und zog mit ihnen in mein Uni-Büro um. Ich ackerte dort oft von 8:00 bis 18:00 oder noch länger - zum Befremden von Kollegen und Wachschutz. Zumindest Kleinigkeiten bekam ich fertig, aber nichts, was meinen Ansprüchen genügte. Die Notwendigkeit eines Refugiums zum Schreiben drang sich schmerzhaft auf.

Mittlerweile habe ich das gefunden. Wieder so eine Überraschung, die Berlin ausspuckte: Eine Wohnung, so ideal, dass ich mich manchmal bewusst erinnern muss, dass sie kein Traum ist. Außerdem ist die Gesellschaft von neuer Liebe und Hund kaum zu schlagen, selbst wenn letzter gern Aufmerksamkeit während meiner Schreibzeit einfordert. Hier gibt es neben üblichem Schlaf- und Wohnzimmer noch einen wunderbaren, lichtdurchfluteten Raum und wir haben beschlossen, Bibliothek und Arbeitsbereich darin einzurichten. Ich meine, es ist uns gelungen.

Und dort steht sie nun, meine Schreibmaschine, die Berlin mir vor die Füße gespuckt hat. Sie ist Teil meines seit Ewigkeiten laufenden Projektes, mir den perfekten Arbeitsplatz zu schaffen.

Meine Auffassung nach gehört es zu jeder Sache, die man mit Leidenschaft verfolgt, sie nicht nur zu praktizieren und darüber zu reflektieren, wie man sie praktiziert, um sich darin zu verbessern, sondern ihr auch einen (physischen und zeittechnischen) Raum im Leben aufzubauen. Für mich ist das mein Schreibtisch und seine Umgebung. Für jemand anderen mögen das seine Trainingszeiten und ein Schrank für Sportgerät sein, die Werkbank in der Garage oder das Tonstudio, ein Heimkino oder die Dunkelkammer. Es ist unmöglich mit der Mühe zu übertreiben, die man als Enthusiast in diese Orte steckt - es sei denn der eigentliche Zweck dieses Refugiums wird darüber vergessen. Ich kenne das! Es ist die hübscheste Prokrastination überhaupt, einen Teilaspekt oder das ganze Ding generalzuüberholen. Es fühlt sich fast an, als würde man arbeiten. Die Schreibmaschine gehört jedoch zu den sinnvolleren Ergänzungen (hoffe ich).

Mein Arbeitsprozess beginnt immer analog. Zwar schätze ich die Vorteile von Word, OpenOffice, Papyrus und wie sie alle heißen, aber diese Programme können mir auch genauso gut im Weg stehen. Mein Verlangen einen Satz sofort zu zurechtzufeilen und in die perfekte Form zu gießen, ist oft so übermächtig, dass ich gleich beginne ihn zu überarbeiten, sobald ich den Punkt setze. Und dann überarbeite ich ihn und überarbeite und überarbeite und überarbeite ... und komme darüber nicht dazu, einen vernünftigen Text zu schreiben - das erfordert ja mehrere Sätze aneinander zu fügen. Aus diesem Grund entstehen Erstentwürfe zu meinen Geschichten und Aufsätzen selten digital. Sowieso führe ich meine Aufzeichnungen handschriftlich in diversen Notizbüchern und auf handlichen Zetteln und kritzel da auch meine Prosa hinein. Die Schreibmaschine soll das nicht ersetzen, wohl aber ergänzen. Oft kommt an dieser Stelle der Einwand: »Aber du musst das doch alles abschreiben!?« Ja, muss ich. Einerseits überarbeite ich aber genau dabei bereits den Text, andrerseits wiegt dieser Nachteil zu wenig, um auf die Qualität zu verzichten, die ich glaube, damit zu erreichen.

Abgesehen davon kann der Computer somit beim Schreiben ausgeschaltet bleiben. Soziale Medien und E-Mails können mir nicht auf den Wecker gehen oder mich mit Ablenkung verführen. Zwar bin ich weit davon entfernt, ein Technikfeind zu sein, aber zumindest für mich birgt sie doch die Gefahr, mich von ihren hundert Möglichkeiten hinreißen zu lassen. Da schreibt sich dann auch kein Text oder nur der falsche: Ewig lange Forenbeiträge oder ausufernde Facebook-Kommentare scheinen mir wenig produktiv.

Das birgt bisher nur ein einziges Manko: Meine Musiksammlung ist (fast) ausschließlich digital dieser Tage. Und ich arbeite gern zu Musik. Wobei Nikola, meine Liebe, diese Unbequemlichkeit mit einer einzigen Frage löste: »Magst du den Plattenspieler anschließen, Schatz?« Nun ist der Tisch für die Anlage etwas improvisiert und es fehlt in der Plattensammlung an meinen üblichen Film- und Seriensoundtracks, Classic-Metall-Alben und sonstigen Vorlieben, aber Depeche Mode, Electric Light Orchester, Beatles und Stones liegen mir ja auch nicht fern.

Mein Arbeitsplatz nimmt Form an. Er entwickelt sich Schritt für Schritt, unterstütz meine Arbeit jeden Tag ein wenig besser. Klar, da ist Luft nach oben; aber das ist immer so. Es gibt stets Platz (weiter) zu entwickeln. Jeder Handgriff, jede Verbesserung baut den Ort wieder auf, wo ich mich zurück auf das besinnen kann, was ich eigentlich will: Schreiben - Erzählen - Kreieren.

Fabian, 7. IX. 2018

Freitag, 31. August 2018



‚Ich war lange fort.‘ Der Gedanke kam mir letztens einmal wieder. Nichts Ungewöhnliches, denn das Thema hängt mir mindestens seit Anfang des Jahres nach. Dieses Mal jedoch hatte sich etwas verändert. Ich saß gerade in einer U-Bahn heimwärts irgendwo südlich der Friedrichstraße auf der U6; es war Freitag, definitiv nach Mitternacht, kaum einer der Fahrgäste war nüchtern und ich war’s auch nicht - doch ich verstand es endlich. Meine Erkenntnis bezog sich nicht darauf, dass ich spät heimkam (im Grund war ich in der Hinsicht recht früh dran), nein, ich war in einem anderen Sinne lange fort gewesen.

Meine Abkehr von den meisten sozialen Medien war ein Teil davon, deutlich mehr noch zog sich diese Weltflucht und innere Migration durch den Rest meines Lebens. Es war notwendig. Zur Erholung. Um mich zu ordnen. Damit ich über einige Dinge Klarheit gewinnen konnte. Zu behaupten, ich hätte dabei vollen Erfolg gehabt, wäre eine halbe Wahrheit. Vieles an den Ereignissen des letzten Sommers - und insofern auch der letzten Jahre - bleibt nebulös. Sicher weiß ich nur: Irgendwo in diesem Chaos habe ich mich selbst verloren.

Ganz ich selbst (sollt es so etwas geben) bin ich noch nicht wieder; aber auf bestem Wege, denke ich.

Es hat eine Menge gekostet. Mein Verstand und meine Kreativität ließen mich im Stich. Im Akademischen wurde ich schwerfällig, lang reicht es geradeso zum routinierten Mitdenken und das literarische Feld lag noch schlimmer brach. Ich habe nicht aufgehört zu schreiben, aber entweder wurden die Texte nicht fertig oder sie sollten besser niemals das Tageslicht sehen (und es ist besonders der guten Ingrid Pointecker zu danken, dass ein ganz spezielles Ungetüm rechtzeitig abgelehnt wurde - danke!). Einige geliebte Projekte sind an die Wand gegangen und beim Gedanken daran, zieht sich etwas in meiner Brust eklig zusammen. Alle Versuche die Zügel wieder in den Griff zu bekommen scheiterten (mancher mag sich an die Umgestaltung dieses Blogs um die Weihnachtszeit erinnern; das sehr offensichtliche Spiel mit der Identität, eine Idee, die ich weiterhin mag, aber die sich nicht ausgespielt hat, wie ursprünglich geplant).

Probleme auszuräumen, deren Ursache unklar bleibt, ist vermutlich immer nahezu unmöglich. Gerade wenn man, wie bei einem Zaubertrick ablenken lässt, ganz fixiert auf den großen Knalleffekt, und dabei vergisst, dass die eigentliche Manipulation anderswo stattfindet. Der Knall war in diesem Fall das schmerzhafte Ende einer Beziehung - ich habe bis zum Schluss nicht sehen wollen, wie glasklar sich abzeichnete, dass sie mich verlassen würde. Umso mehr zog es mir den Boden weg. Am Aufstehen hinderte mich allerdings etwas anderes.

Was das war, erkannt ich dort in diesem U-Bahnwagen zwischen müden Resten des Berliner Nachtlebens, die sich in gekonntem Großstadthabitus gegenseitig ignorieren und ins Leere starrten. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen: Man behandelt mich als nicht-existent. Das wäre fast sowas wie in Ordnung; wenn sich dem nicht weite Teile unseres Freundes- und Bekanntenkreises angeschlossen hätten. Man kann nur spekulieren: Was macht es mit jemandem, mit ihm oder ihr, als gäbe es diese Person nicht - als hätte es einen nie gegeben? Vieles. Besonders fängt man irgendwann selbst an, ein wenig daran zu glauben, nicht im wortwörtlichen Sinne natürlich, aber durchaus so, dass einem das eigene Leben, die eigenen Erinnerungen und Beteiligung am umgebenden Geschehen irgendwie vage und entfernt werden. Wer nicht existiert, der kann kaum Anteil an der Welt nehmen und schon gar nicht in ihr sein und dort seine Projekte verfolgen. Inwiefern das im letzten Herbst meine Entscheidung für ein Semi-Eremiten-Dasein mitformte, will ich nicht beurteilen, aber zu diesem Zeitpunkt war es meine einzige Handlungsoption.

Wer möchte, der kann das gern als Anklage lesen, ich werde es nicht verhindern können, wie sehr ich damit auch anderes will. Es ist ein lautes Nachdenken. Und ähnlich dem erwähnten Zaubertrick, sollte man sich nicht von diesem vergangenen Drama ablenken lassen, und annehmen es ginge um das Aufarbeiten eines Beziehungsendes. Meine Intention folgt der Natur des Geschichtenerzählens. Dieser Artikel setzt einen Anfangspunkt für eine Geschichte, die mich wieder zu mir zurückbringt - beziehungsweise zu dem, was ich gern sein will. Diese Rückkehr beginnt eben auf genau diesem Ruinenfeld.

Teile des Weges habe ich bereits gefunden. Eine Krise im März, von der ich nicht reden werde, zwang mich in die Welt zurück. In ihrer Folge habe ich aber wieder einen Ort und was noch viel wichtiger einen Menschen und einen Zwergpudel gefunden, die ich Heimat nenne. Es ist eine Basis für diese Unternehmen. Leider gibt es nicht den einen Schalter, den man drückt, um wieder voll dabei zu sein; genauso wenig, wie es das eine Ritual gibt, das zu vollziehen ist, um sich von diesen Problemen selbst zu exorzieren (egal, wie sehr meine romantische Seite sich nach dieser magischen Tat sehnt, der Skeptiker in mir ist stärker). Es wird kleine Schritte fordern, die nicht sofort elegante Tanzschritte sein werden. Aber tanzen möchte ich gerne.

Ehrlich und als solches gemeint, ist mir jeder Ratschlag und jede Hilfe willkommen. Und nachdem dieses Problem formuliert ist, kann es daran gehen Bestand aufzunehmen, was zu tun ist.


Fabian, 31. VIII. 2018

(mein neustes Spielzeug 💓)