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~ Autorenblog von Fabian Dombrowski ~

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Freitag, 31. August 2018



‚Ich war lange fort.‘ Der Gedanke kam mir letztens einmal wieder. Nichts Ungewöhnliches, denn das Thema hängt mir mindestens seit Anfang des Jahres nach. Dieses Mal jedoch hatte sich etwas verändert. Ich saß gerade in einer U-Bahn heimwärts irgendwo südlich der Friedrichstraße auf der U6; es war Freitag, definitiv nach Mitternacht, kaum einer der Fahrgäste war nüchtern und ich war’s auch nicht - doch ich verstand es endlich. Meine Erkenntnis bezog sich nicht darauf, dass ich spät heimkam (im Grund war ich in der Hinsicht recht früh dran), nein, ich war in einem anderen Sinne lange fort gewesen.

Meine Abkehr von den meisten sozialen Medien war ein Teil davon, deutlich mehr noch zog sich diese Weltflucht und innere Migration durch den Rest meines Lebens. Es war notwendig. Zur Erholung. Um mich zu ordnen. Damit ich über einige Dinge Klarheit gewinnen konnte. Zu behaupten, ich hätte dabei vollen Erfolg gehabt, wäre eine halbe Wahrheit. Vieles an den Ereignissen des letzten Sommers - und insofern auch der letzten Jahre - bleibt nebulös. Sicher weiß ich nur: Irgendwo in diesem Chaos habe ich mich selbst verloren.

Ganz ich selbst (sollt es so etwas geben) bin ich noch nicht wieder; aber auf bestem Wege, denke ich.

Es hat eine Menge gekostet. Mein Verstand und meine Kreativität ließen mich im Stich. Im Akademischen wurde ich schwerfällig, lang reicht es geradeso zum routinierten Mitdenken und das literarische Feld lag noch schlimmer brach. Ich habe nicht aufgehört zu schreiben, aber entweder wurden die Texte nicht fertig oder sie sollten besser niemals das Tageslicht sehen (und es ist besonders der guten Ingrid Pointecker zu danken, dass ein ganz spezielles Ungetüm rechtzeitig abgelehnt wurde - danke!). Einige geliebte Projekte sind an die Wand gegangen und beim Gedanken daran, zieht sich etwas in meiner Brust eklig zusammen. Alle Versuche die Zügel wieder in den Griff zu bekommen scheiterten (mancher mag sich an die Umgestaltung dieses Blogs um die Weihnachtszeit erinnern; das sehr offensichtliche Spiel mit der Identität, eine Idee, die ich weiterhin mag, aber die sich nicht ausgespielt hat, wie ursprünglich geplant).

Probleme auszuräumen, deren Ursache unklar bleibt, ist vermutlich immer nahezu unmöglich. Gerade wenn man, wie bei einem Zaubertrick ablenken lässt, ganz fixiert auf den großen Knalleffekt, und dabei vergisst, dass die eigentliche Manipulation anderswo stattfindet. Der Knall war in diesem Fall das schmerzhafte Ende einer Beziehung - ich habe bis zum Schluss nicht sehen wollen, wie glasklar sich abzeichnete, dass sie mich verlassen würde. Umso mehr zog es mir den Boden weg. Am Aufstehen hinderte mich allerdings etwas anderes.

Was das war, erkannt ich dort in diesem U-Bahnwagen zwischen müden Resten des Berliner Nachtlebens, die sich in gekonntem Großstadthabitus gegenseitig ignorieren und ins Leere starrten. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen: Man behandelt mich als nicht-existent. Das wäre fast sowas wie in Ordnung; wenn sich dem nicht weite Teile unseres Freundes- und Bekanntenkreises angeschlossen hätten. Man kann nur spekulieren: Was macht es mit jemandem, mit ihm oder ihr, als gäbe es diese Person nicht - als hätte es einen nie gegeben? Vieles. Besonders fängt man irgendwann selbst an, ein wenig daran zu glauben, nicht im wortwörtlichen Sinne natürlich, aber durchaus so, dass einem das eigene Leben, die eigenen Erinnerungen und Beteiligung am umgebenden Geschehen irgendwie vage und entfernt werden. Wer nicht existiert, der kann kaum Anteil an der Welt nehmen und schon gar nicht in ihr sein und dort seine Projekte verfolgen. Inwiefern das im letzten Herbst meine Entscheidung für ein Semi-Eremiten-Dasein mitformte, will ich nicht beurteilen, aber zu diesem Zeitpunkt war es meine einzige Handlungsoption.

Wer möchte, der kann das gern als Anklage lesen, ich werde es nicht verhindern können, wie sehr ich damit auch anderes will. Es ist ein lautes Nachdenken. Und ähnlich dem erwähnten Zaubertrick, sollte man sich nicht von diesem vergangenen Drama ablenken lassen, und annehmen es ginge um das Aufarbeiten eines Beziehungsendes. Meine Intention folgt der Natur des Geschichtenerzählens. Dieser Artikel setzt einen Anfangspunkt für eine Geschichte, die mich wieder zu mir zurückbringt - beziehungsweise zu dem, was ich gern sein will. Diese Rückkehr beginnt eben auf genau diesem Ruinenfeld.

Teile des Weges habe ich bereits gefunden. Eine Krise im März, von der ich nicht reden werde, zwang mich in die Welt zurück. In ihrer Folge habe ich aber wieder einen Ort und was noch viel wichtiger einen Menschen und einen Zwergpudel gefunden, die ich Heimat nenne. Es ist eine Basis für diese Unternehmen. Leider gibt es nicht den einen Schalter, den man drückt, um wieder voll dabei zu sein; genauso wenig, wie es das eine Ritual gibt, das zu vollziehen ist, um sich von diesen Problemen selbst zu exorzieren (egal, wie sehr meine romantische Seite sich nach dieser magischen Tat sehnt, der Skeptiker in mir ist stärker). Es wird kleine Schritte fordern, die nicht sofort elegante Tanzschritte sein werden. Aber tanzen möchte ich gerne.

Ehrlich und als solches gemeint, ist mir jeder Ratschlag und jede Hilfe willkommen. Und nachdem dieses Problem formuliert ist, kann es daran gehen Bestand aufzunehmen, was zu tun ist.


Fabian, 31. VIII. 2018

(mein neustes Spielzeug 💓) 


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