_________________________________________

~ Autorenblog von Fabian Dombrowski ~

_____________________________________________________________________

Dienstag, 2. Oktober 2018




Da gibt es diese abgelegene Stadt - wobei mir eigentlich nicht klar ist, ob es wirklich eine Stadt ist oder eher ein Kleinstädtchen oder sogar nur ein Dorf. Eine Tafel am Ortseingang verkündet stolz eine fünfstellige Einwohnerzahl, welche wahrscheinlich aber doch im vierstelligen Bereich liegt. Jedenfalls fühlen sich die Straßen nach noch deutlich weniger Menschen an und der Besucher, der mit seinem Auto über die unausweichliche Landstraße hier ankommt, begegnet erstmal niemanden. Dennoch heißt ihn der Ort willkommen. Die Stadt hat Charme. Er kann sich sagen, ob das an den Klischees ländlicher Gastfreundschaft liegt, die in seinem Kopf feststecken, der Romantik der nahen Wald-, Berg- oder Seenlandschaften oder doch ganz einfach an dem aufklarenden Wetter nach morgendlichen Regen. Auf jeden Fall ist der Kaffee verdammt gut.

Die Rede ist von Twin Peaks; aber nicht nur. Eine ganze Liste an Orten kommt mir in den Sinn: Bright Falls, Wayward Pines, Castle Rock, Sunndydale, Arcadia Bay, Gravity Falls, Winden, Arkham und vielleicht sogar die aktuelle Iteration Riverdales. Davon sind nicht alle im amerikanischen Nordwesten angesiedelt und im Kontrast zur Meinung des landläufigen Lynch heroisierenden Hipster-Snobs sind die wenigstens bloße Versionen des erstgenannten Städtchens, die von ‚minderer Genre-Fiktion‘ aufgegriffen wurden. Viele solche Geschichten entstanden früher und verschlagen uns an ganz andere Orte, zum Beispiel nach Solowetz in der Novelle ‚Montag beginnt am Samstag‘ von Arkadi und Boris Strugazki. Dennoch mögen viele Ideen, die mit dieser speziellen Kleinstadtkulisse verbunden sind am einflussreichsten in Frosts und Lynchs Serie aus den 90ern zu einem Prototypen verschmolzen sein. Die Qualität allerdings, die mich am meistens fasziniert, berstand bereits hiervor. Am besten auf den Punkt gebracht von Herman Melville in Moby Dick: 

»It is not down on any map, true places never are.«


Keiner dieser Städte existiert - dennoch können sie uns für den flüchtigen Moment, in denen von ihnen erzählt wird, überzeugen, dass sie real sind. Sie dienen nicht einfach als Setting, Hintergrund, hübsch angemalte Kulisse; sie werden lebendige Protagonisten von Geschichten. Für mich bleibt dabei ein Rätsel wie diese Beispiele den Sprung von Bühne zum Mitspieler schaffen. Und ich arbeite mich daran schon eine Weile ohne gute Antwort ab (was vielleicht den Reiz ausmacht).

Mir persönlich sticht das auch besonders an solchen fiktiven Kleinstädten raus, obwohl es mich ganz zu Anfang eher am deutlicheren Räumen zu interessieren begonnen hat - Gotham und Dunwall wären hier zu nennen. Sowieso bleibt auffällig, wie uns oft kleine oder gigantische Städte und ihre Umgebung begegnen. Selten lesen wir von einer unabhängigen, alleinstehenden Landschaft oder höchstens, wenn wir all die realen Weltgegenden inkludieren, die einfach unter anderen Namen auftauchen. Doch davon spreche ich nicht. Ich meine die Orte, die nie existiert haben können. Wobei es nicht zwingend um phantastische Kulissen gehen muss. Das Gefühl von Realität, dieses ‚sense of place‘ hat damit vermutlich wenig zu tun. Eine Teilantwort könnte sich allerdings schon hinter Vorbildern verstecken, die wir tatsächlich auf Landkarten finden.

Mir ist diese Verwicklung von fiktionalen Welten mit realen Umgebungen erst spät Bewusst geworden. Als bloßer Fakt und Wissen war es da, aber es dauerte bis in den Sommer 2015, dass es wirklich durchsickerte. Die erste Staffel von ‚True Detective‘ brachte den Stein ins Rollen. Entscheidend war, wo ich die Serie gesehen habe: Auf dem jährlichen Trip mit dem besten Freund ins brandenburgische Odervorland, zwanzig Minuten staubigen Feldweg vom nächsten Dorf entfernt. Das ist nicht in Amerika, nicht in den USA und schon gar nicht in Louisiana. Aber unter dem Eindruck von Nic Pizzolattos Skript und der Cinematopgraphie von Cary Joji Fukunaga und Adam Arkapaw wurde es das. Das Moorland, die teils wieder verwucherten Wälder und endlosen Reihen an Kabelmasten entlang zweifelhaft asphaltierten Landstraßen boten sich praktisch an - mehr noch aber war es die Verlassenheit der Ortschaften, ihre Ruinen und verwaisten Vorgärten. 
Und den Eindruck dieser befremdlichen Ähnlichkeit hatten wir nicht allein. Zwei Monate später saß ich mit meiner damaligen Freundin in der Uraufführung von Falk Richters ‚Fear‘, einem Stück, das unter anderem auch den Erfolg der AfD und ihrer menschenfeindliche Volksverhetzung im ländlichen Ostdeutschland zu ergründen versuchte. Auch hier verschmolzen Louisiana und Brandenburg in eines. Das treffende Zitat der Serie für dieses Amalgam in meinem Kopf war:


»This place is like somebody’s memory of a town and the memory is fading. It’s like there was never anything here but jungle.«


Das hat herzlich wenig mit den fiktiven Orten zu tun, von denen ich oben sprach - oder? Louisiana gibt es wirklich. Brandenburg gibt es wirklich. Auch wenn ich sie auf Landkarten genau dort finde, wo viel Nichts ist. Aber der Hinweis auf die Lösung (einen kleinen Teil von ihr zumindest) versteckt sich in den Details, die wir im jeweils anderen - Fiktion oder Realität - wiedererkennen. Das ist trivial. Es ist keine Überraschung, dass Fiktion ihre Wurzeln in realen Orten, Episoden und Kleinigkeiten findet und sie uns gleichzeitig eine Linse geben kann, die Welt um uns wahrzunehmen. Möglicherweise ist es derart einfach. Nur erklärt es nicht, was das Setting der Kleinstädte à la Twin Peaks so attraktiv macht.

Eine Erklärung ist, dass es zumindest in meinem Fall persönliche Vorlieben und Erinnerungen trifft. Schließlich bediene ich in Kurzgeschichten gerade diese Bühnen immer wieder gern und die Urlaube im Odervorland stehen meist am Anfang. Jedoch habe ichüber individuelle Vorlieben hinaus keine befriedigende Antwort - doch so etwas war nie die Absicht dieses Textes. Wie jeder andere Artikel dieses Blogs sollte eher erkunden, keine mundgerechte einfache Botschaft bieten. Und das ist die zweite, oben bereits angedeutete Erklärung für diese Liebe zu imaginierten Ortschaften; ich verstehe sie nicht und es macht unheimlichen Spaß, verstehen zu lernen.

Fabian, 2. X. 2018