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~ Autorenblog von Fabian Dombrowski ~

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Donnerstag, 27. Dezember 2018



Gestank. Das war sicher ein Beginn für diesen Autorensalon, wie ihn niemand erwartet hat. Es ist ein eindrücklicher Gestank, kriecht einem die Nase hoch und scheint aus jeder Ecke zu kommen. Aber wenn der üble Geruch in so charmanter Prosa daherkommt, wie es bei Patrick Süskinds "Parfüm" geschieht, wer könnte sich beschweren? Schließlich war das für den Abend gesetzte Thema: Wie wird ein Setting glaubhaft? Offenbar ist das Überreizen des olfaktorischen Sinns bis zum Ekel eine Variante davon. Zumindest konnten sich die vier anwesenden Autoren, Claudia Rapp, Swantje Niemann, Julia Heller und meine Wenigkeit schnell darauf einigen. Obwohl wir im Detail Dinge unterschiedlich handhaben würden: Machen war die Passage zu ausgeführt, anderen die sprachliche Varianz darin zu gering. Debatten leben von diesen kleinen, wie allerdings auch größeren Meinungsunterschieden.

Im Laufe des Jahres 2017 hat Claudia Rapp des Öfteren zum Salon geladen. Sie hat das Hinterzimmer von DanTra‘s Kneipe in der Kulmerstraße organisiert, Gäste angesprochen und für Termine gesorgt, zu denen möglichst viele es einrichten konnten. Die Diskussionen waren gut, mal mit mehr, mal mit weniger regen Teilnehmern - aber etwas fehlte: eine Richtung, wo die Unterhaltung hinführen sollte. Es brauchte ein Thema, eine Aufgabe, etwas an dem man sich festbeißen und an dem wir uns abzuarbeiten hatten.

Die Inspiration für den ersten Abend kam von einer Frage, die vermutlich Erzähler aller Medien seit Anbeginn der Sprache beschäftigt: Wie mache ich ein Setting glaubwürdig. Warum möchte ich bei manchen Geschichten am liebsten gleich ein Flugticket zum Handlungsort buchen, während es mich bei anderen so kalt lässt, dass es schwerfällt, sich zu erinnern, wo genau sie spielen? Um hinter dieses Phänomen zu kommen, trafen wir uns am 3. Dezember in der Lettrétage im Herzen Kreuzbergs - ein weiterer Ort, den Claudia Rapp für den Salon finden konnte.

Damit jeder seine Perspektive an den Tisch bringen konnte, sollten alle Gäste einen Text mitbringen, den sie oder er besonders lehrreich fanden - in guter oder schlechter Hinsicht. Für die rege Diskussionskultur spricht wohl, dass uns einige einzelne Seiten aus Süßkinds „Parfüm“ als Sprungbrett in die Materie genügten. Wie erwähnt drehte sich die Diskussion zuerst um kleinere Meinungsverschiedenheiten. Diese zielten gar nicht so sehr auf die Qualität der besprochenen Passage, sondern mehr auf die individuelle Herangehensweise, würde man als Autor selber solch eine Szene formulieren. Und das Problem lautet: „Wie gelingt es, dass die fiktionale Welt so geschrieben wird, dass sie sich nicht auf eine bloße Bühne für den Helden oder Vehikel für einen Plot reduziert.“ Das ist schon mal drei, vier Schritte näher am Kern der Sache als die etwas naive Frage, was ein Setting besser oder schlechter macht.

Schnelleres oder langsameres Erzähltempo, welchen Ausschnitt des Hintergrundes beschreiben, vor dem Charaktere handeln, wie viel ins Detail gehen oder welche Details gewählt werden - das ist oft persönlicher Stil. Wir befanden rasch, dass sich in solchem erstmal keine Antwort findet. Ähnliche Settings können sich in den Händen unterschiedlicher Autoren, ganz verschieden ausspielen. Wenn David Lynch und Mark Frost uns von "Twin Peaks" erzählen, dann ist das ziemlich anderes, als wenn Sam Lake uns in "Alan Wake" vom Örtchen Bright Falls berichtet. Dennoch handelt es sich bei beidem um eine Kleinstadt im Pacific Northwest. Sie beziehen sich auf gleiche Vorbilder und lassen sich voneinander inspirieren (ein Setting, welches mich selbst sehr reizt, wie letztens hier im Blog besprochen). Der Blick muss also in eine andere Richtung gehen und da waren zwei andere Punkte, die sich kristallisierten: 1) Wissen über die Lesegewohnheiten des eigenen Publikums und 2) Wissen über das eigene Setting.

Natürlich blieb nicht ewig Zeit in diese Komplexe einzudringen. Wir konnten nur eine Ausgangsbasis etablieren. In Bezug auf den Leser zum Beispiel, dass es nicht um ein anbiedern geht, indem man die Kenntnis seines Konsumverhaltens möglichst ausnutzt. Trotzdem lässt sich nicht verneinen, dass ein Erzähler seine Geschichte stets einem Publikum vorträgt und dieses will in die Fiktion hineingezogen werden. Um diesen Job gut zu machen, muss man seine Zuhörer kennen. Manch einer Lesergruppe mag im selben Text auch ganz Abweichendes wichtig sein: Wo den einen die Historie der besuchten Orte spürbar werden muss, können andere darauf verzichten und wollen lieber einen realistischen Alltag sehen. Realität ist eine schon immer eine sehr relative Angelegenheit gewesen. Das merkt man vor allem, wenn man genau hinschaut, was für eine einzelne Person notwendig ist, um Realismus und Authentizität zu erzeugen.

Der Schlüssel dazu klingt wie eine Phrase, aber es kommt wie eh und je zurück zu den gleichen alten Punkten: Recherche, Vorbereitung, die Angelegenheit immer und immer wieder durchdenken. Eine gute Geschichte entsteht nicht einfach aus sich heraus, es ist nicht der Akt eines von der Muse geküssten Genies, genauso wenig ist es ein magischer Akt, inspiriert aus dem Nichts.


An der Methode für diese Arbeit will der Salon in Zukunft gerne feilen. Selbstverständlich wird es weiter um solch ‚große Themen‘ gehen. Doch besonders diese Debatten haben die Tendenz vage und manchmal unbefriedigend zu bleiben, daher soll eine noch ganz andere Ebene ins Spiel kommen: Sprache. Ohne den Versuch das Medium, mit dem die Schlüsse aus unseren Diskussionen umgesetzt werden, jeden Tag ein Stück besser zu beherrschen, haben solche Erörterungen kaum Zweck. Dort werden wir beim folgenden Treffen ansetzen.

Der nächste Salon findet am 30. Januar statt und zwar erneut in der Lettrétage, Mehringdamm 61, 10961 Berlin (Zugang über die Hinterhöfe, nicht verzweifeln, wenn ihr es nicht sofort findet). Die abendliche Uhrzeit ist noch nicht ganz definiert. Alle, die sich am Gespräch und dem gemeinsamen Vorankommen beteiligen wollen, sind herzlich eingeladen - Updates via den üblichen social media Kanäle.

Fabian, 27. XII. 2018 


Dienstag, 25. Dezember 2018



Ein kleiner Hinweis im Sinne der Vollständigkeit dieses Blogs: Diesen Dezember war die Homepage des Verlags ohneohren ziemlich aktiv. In einer Adventskalenderaktion gingen jeden Tag Artikel online und viele von ihnen fand ich persönlich sehr spannend. Sie geben ganz unterschiedliche Einblicke in die Weihnachtszeit, aber auch den Alltag einiger Autoren. Teils kann man über aktuelle Projekte lesen, die Probleme mit dem Zeitmanagement, die man neben dem Brotberuf haben kann oder wie schwer der Anfang jeder Schriftstellerei ist (gerade, wenn man eine Grundschullehrerin hatte, die alles auf Orthographie und Grammatik reduziert). Was hat das mit der Vollständigkeit dieses Blogs zu tun? Ich habe auch einen Text beigesteuert; es geht um Schreibmaschinen! Aber letztlich ist das nur ein Vorwand. Eigentlich ging es mir um ein Unbehagen mit dem aktuellen Fetisch einiger Autoren, möglichst viel zu schreiben, während sie sehr fixiert auf ein einzelnes Medium bleiben - nämlich das digitale. Natürlich werden wieder viele das Label »Hipster« darauf kleben, weil sie es als Nostalgie oder Retrokult abtun, doch ich kann auch kaum etwas dagegen tun, wenn sich jemand lieber in der Komfortzone seiner Vorurteile verbarrikadiert. Ich hatte ja fast gehofft, das würde Gesprächsstoff geben - viel davon mitbekommen habe ich allerdings nicht. Schade irgendwie.

Den Artikel findet ihr HIER. Der Text hieß im Original "Schreibmaschinen Rapshodie", hier aber "Fabian und die Schreibmaschine". Werft unbedingt auch einen Blick in die anderen Adventstexte, sehr lesenswert!

Fabian, 25. XII. 2018