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~ Autorenblog von Fabian Dombrowski ~

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Sonntag, 31. März 2019



Neil Gaiman, The Ocean at the End of the Lane. London: Headline 2014. ISBN: 978-1-4722-0866-8; 255 Seiten.

"Adults follow paths. Children explore"

Den Pitch für The Ocean at the end of the Lane könnte Gaiman seinem Verlag so vorgetragen haben: »Eine äußerst britische, rein weibliche und weniger makabre Version der Addams-Family muss gegen Dolores Umbridge antreten, um die Seele eines kleinen Jungen zu retten.« Ganz abgesehen von meiner eigenen Liebe für die schrullige Gothic-Familie aus der Feder von Charles Addams, können sich wohl alle auf diese Antagonistin einigen; entweder, weil die verstockte, piefige Kleinbürgerlichkeit von Dolores Umbridge (hier unter dem Namen Ursula Monkton) ihren eigenen Idealen widerspricht oder weil sie in ihrer Karikatur zu viel von sich selbst erkennen.

Das Hauptthema des Büchleins ist aber ein anderes: Kindheit und ein wenig ebenfalls Erwachsen-sein, vielleicht ist das auch kein großer Unterschied. Ein Mann in mittleren Jahren erinnert sich an seine Kindheit in Essex, das Leben daheim und wie er nicht nur in die Welt der Älteren, sonder auch in eine kosmische Horrorstory à la H.P. Lovecraft reingezogen wird, obwohl er doch nur in Ruhe seine Bücher lesen will (gerade Letzteres weckte meine Sympathie und Erinnerungen). Und dann ist da noch das Haus und der Ententeich-Ozean am anderen Ende der Landstraße.

Nach kleineren Holprigkeiten im Wechsel von Prolog zum Hauptteil und kurz danach, wird es schwer das Buch wegzulegen, selbst wenn eigene Deadlines vor der Tür stehen. Das liegt vor allem an den betörend gut geschriebenen späteren Übergängen; meistens zwischen realistisch(er)en Episoden und den phantastisch(er)en - und wieder: vielleicht ist das auch kein so großer Unterschied. Sie werden jedenfalls nicht als Verschiedenes behandelt, die Perspektive eines Kindes bringt sie zusammen und in dessen Augen ist das Monster aus den Tiefen des Kosmos genauso fremd, wie das Verhalten der Erwachsenen.

Handwerklich ist die Erzählung fein, oft eher faszinierend als im konventionellen Sinne spannend. Am Anfang noch ganz im mondänen verhaftet, lässt sie sich Zeit, um die Atmosphäre eines ganz besonderen sense of wonders aufzubauen, der dann in den letzten Kapiteln vollends zelebriert wird. So schön diese Momente sind, so brilliert das Buch jedoch vor allem mit anderem, dem genauen Gegenteil nämlich. Viele, viele kleine Beobachtungen über einfache Dinge, Orte, Essen und Details bereichern den schmalen Band, die direkt aus einer kuschelig nostalgischen Erinnerung geborgen scheinen (und es nach den Implikationen im Nachwort auch tatsächlich sind).

Es macht Hoffnung so eine sparsame, intime Geschichte zu lesen, wo Gaiman in letzter Zeit meist mit dem Ausverkauf seiner Werke glänzt, die in TV-Serien verwandelt immenses visuelles Spektakel bieten (welches ich mir auch gerne ansehe), aber die Magie der Text vermissen lassen.

Fabian, 31. III. 2019

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